Zwischen Ararat
und Kaukasus

Edjmiaçin I

Sonntag, 17. August 2008

Festgottesdienst in Edjmiaçin

Heute feiert die armenische Kirche die Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir machen uns auf zur Kathedrale von Edjmiaçin, der geistlichen Hauptstadt Armeniens.
Die armenische Liturgie lebt vom Gesang: der markante, eher harte Gesang der Kantoren und des Klerikerchors wechselt einerseits mit dem volltönenden Sprechgesang der Gebete und Lesungen (das Evangelium allerdings kennt eine wohlausgebildeten Vortragston), andererseits mit dem hinreißend elegischen Gesang des Laienchores und seiner überragend guten Solistin.
Der Segensgestus fällt auf: wenn der Zelebrant mit der Rechten segnet, bleibt seine Linke auf den Altar gelegt – so, wie es auch in der syrischen Kirche geschieht. So wird augenfällig, woher der Segen kommt.
Ebenso bemerkenswert ist der Friedensgruß: ähnlich dem Friedensgruß der Kleriker in der überlieferten römischen Liturgie, dreifach allerdings: rechts – links – rechts. Ebenso wie dort und wie auch in der syrischen Liturgie kommt er vom Altar, vom Priester, ein jeder empfängt ihn und gibt ihn weiter, ohne daß es zu einem störenden Hin und Her käme.
Die Liturgie ist lang, und sitzen kann man dabei nicht. Aber dennoch möchten danach alle noch die Segnung der Trauben miterleben. Sie findet statt an einem monumentalen Freiluftaltar auf dem weiträumigen Gelände der Kathedrale. Wie soll man diese moderne Betonarchitektur bewerten?
Freilich ist man in Armenien verwöhnt von den – für norddeutsche Verhältnisse unglaublich zahlreichen – schönen alten und uralten Kirchen.
Ohanavank
Ohanavank: S. Hovhannu
Ohanavank
Aber es ist auch etwas besonderes, wie dieses Volk in den noch nicht einmal zwei Jahrzehnten nach dem Ende der Unterdrückung der Religion durch das Sowjetregime, einer Zeit, die geprägt ist durch anfangs extreme materielle Not, sich daran gemacht hat, ruinierte alte Kirchen wieder aufzurichten und neue Kirchen zu bauen, wo immer Bedarf war.
Eriwan: S. Grigor
Neu ist auch jene Altaranlage; und sie ist liturgisch ganz adäquat.
Nach den gottesdienstlichen Feiern spazieren wir durch die Gärten des Kathedralgeländes. Da winken uns zwei alte Damen herbei, laden uns ein zu ihrem Picnic; wir dürfen von ihrem köstlichen Obst essen, ihren Kaffee mittrinken. Und sie wissen sich mit uns zu unterhalten, so schlecht unser Russisch auch ist (ganz zu schweigen von unserem Mangel an Armenischkenntnissen). Die armenische Gastfreundschaft begeistert uns wieder einmal: am anderen Menschen interessiert, herzlich und selbstbewußt.

W.H.W

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Edjmiaçin II

Sonntag, 24. August 2008

Der Asket

Zum zweiten Mal sonntags in Edjmiaçin.
Ein Mann läuft vor der Kirche herum, der, mit seiner Haar- und Barttracht, nach mitteleuropäischen Maßstäben, nun, sagen wir einmal, randständig wirkt. Oder asketisch? – doch diese Kategorie haben wir kaum mehr.
Und so wundere ich mich, daß er nicht irgendwann verschwindet, sondern bleibt; schließlich sehe ich ihn sogar am Altar.
Und allmählich muß ich dann feststellen, daß er doch kein Landstreicher ist, sondern ein Asket: im Laufe der Liturgie wird er zum Bischof geweiht.
Katholikos Karekin II.

W.H.W

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Tiflis

Tiflis

Sonntag, 13. September 2015

Orthodoxe Liturgie von ganz anderem Klang

Die georgische Kirche, so lese ich, hatte sich im XIX. Jahrhundert, als sie russifiziert wurde bis hin zum Gebrauch der kirchenslawischen Sprache, dem Volk entfremdet; die Wiedererrichtung des georgischen Katholikats nach dem Sturz des Zarenregimes, nun unter dem Titel eines Patriarchats, habe zu einer geistlichen Erneuerung geführt.
Dem entspricht, was wir im Lande sehen: es gibt viele Kirchen, sie sind wohlgepflegt, große Kirchen sind neuerrichtet. Und Georgier bekreuzigen sich, wenn sie an einer Kirche vorbeikommen oder -fahren. Fast jeder Bus, jedes Taxi ist ausgestattet mit einer Ikonensammlung.
Hochzeit in Mçcheta
Ikonen im Bus
Aus Italien kennen wir die Schwierigkeit, Kirchen zu besichtigen, weil dort ständig eine Hochzeit gefeiert wird, durch die der Zugang verwehrt ist. In der Kathedrale von Mçcheta, dem eigentlichen Sitz des Patriarchen, gibt es das nicht: da die Hochzeiten hier im Viertelstundentakt stattfinden, erwartet man kaum mehr Rücksicht darauf.
In der Ančis’chati-Kirche singe samstagabends zur Nachtwache der Chor der Studenten des Konservatoriums, haben wir gelesen. Nun, nach Studenten sehen die Herren der Schola nicht aus; doch es sind wirklich georgische Gesänge.
Alles ist recht locker; der Leiter der Schola hantiert ständig mit seinem Rosenkranz, wendet sich, während er singt, immer wieder zur Seite, blickt mal hier-, mal dorthin. Ist der Gesang hier dissonanter, als man es von Ostgeorgien erwartet, das doch für seine harmonische Polyphonie berühmt ist – oder nimmt es die Schola einfach nicht so genau mit dem Ton? Aber trotz der rauhen Klänge: eine orthodoxe Liturgie von ganz anderem Klang, wild, ohne irgendwelche Ähnlichkeit mit griechischem oder slawischem Kirchengesang, und auf diese rauhe Weise doch schön und beeindruckend.
Der Priester aber zeigt die gleiche hingebungsvolle Sorgsamkeit, das Volk die gleiche andächtige Teilnahme wie in anderen orthodoxen Kirchen.
Erstaunlich ist der Ritus der Vesper: ganz anders, als ich ihn sonst kenne. Nur das Phôs hilarón meine ich zu erkennen, aber durchaus nicht sicher. Doch vom Hexapsalm an stimmt wieder alles mit den anderen orthodoxen Kirchen überein.

Anmerkung: In Georgien ist es üblich, daß alle Nichtkommunikanten bei der Kommunion des Priesters die Kirche verlassen; für die, die nicht der orthodoxen Kirche angehören, ist das verbindlich.

W.H.W

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Ararat

Edjmiaçin III

Sonntag, 20. September 2015

Der armenische Vatikan

In Armenien hat es eine Russifizierung nie gegeben, die gregorianische Kirche blieb immer untrennbar mit dem armenischen Volk verbunden. Natürlich gibt es hier keine Ikonostasetten wie in georgischen Taxis (Bilderverehrung ist hier ja unbekannt); doch auch hier kann man sich, wenn der Fahrer sich bekreuzigt, umsehen, wo in der Umgebung die Kirche ist.
In Edjmiaçin wird viel gebaut, man ist schon weit fortgeschritten auf dem Weg zum armenischen Vatikan. Die Grünflächen ringsum sind weniger geworden; jene, in der wir seinerzeit zu einer Tasse Kaffee eingeladen wurden, gibt es nicht mehr. Doch die neuen Kirchen und Kapellen sind geschmackssicherer und auch armenischer als die, die uns damals ins Auge fielen.
Hier in der Mater et Magistra aller Kirchen Armeniens geht es anders zu als in jener wenn auch bedeutenden, so doch kleinen georgischen Kirche. Gäste aus allen Enden der armenischen Ökumene; hoch über dem Meer der Köpfe der Gläubigen ein Meer von modernstem Photo- und Kommunikationsgerät.
Hier aber ist es der Chor, sind es die Solisten, deren Gesang von seltener Vollkommenheit ist. Irgendwie ostkirchlich, irgendwie romantisch, aber eigentlich ist der armenische Gesang unvergleichlich. Und als das «Surb, surb, surb», das Sanctus gesungen wird, wird der Gesang zu einem ganz besonderen geistlichen Erleben der Wandlung.
Eine kleine Mißentwicklung: elektrische Klaviere haben sich hier ausgebreitet, wirken, völlig überflüssig, mit – doch abwerten kann das diesen Gesang durchaus nicht.
Zelebriert hat ein Priester; doch zur Opferung ist der Katholikos in einer Prozession eingezogen. Wenn ich im Itinerarium Egeriae (= Aetheriae = Silviae) gelesen habe, wie im Jerusalem des späten IV. oder frühen V. Jahrhunderts der Bischof nach dem Gottesdienst die Gläubigen einzeln segnet, habe ich mich gefragt, wie das denn durchzuführen sei. Hier erlebe ich es: alle drängen sich beim Auszug zu ihm, er legt allen die Hand auf, so auch mir.
Anmerkung: Zu intensiverer Teilnahme an der armenischen Liturgie waren die Liturgietexte sehr hilfreich:
• Hl. Liturgie •
• S.Patarag •
• Hl. Liturgie •

W.H.W

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