Bedrohte Feste

3. Mai

Fest des Heiligen Kreuzes

Wer sich will freun von Herzen
der heil’gen Osterzeit,
der geh’ zum heil’gen Kreuze,
das uns gebracht die Freud’,
die Freud’ in Jesu Christ,
der nun erstanden ist.
Über die ganze Kirche verbreitet ist das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September. Dieser Termin geht zurück auf die Weihe der Anastasis, der Auferstehungskirche in Jerusalem am 13. September 335. Aber der römische Festkalender kennt noch ein zweites Kreuzfest, am 3. Mai. Dieses Fest ist wohl aus dem gallischen Raum nach Rom gekommen, zuerst im jüngeren Gelasianum bezeugt. Im späteren römischen Kalender wird das Fest am 3. Mai der Auffindung des Heiligen Kreuzes gewidmet, das am 14. September dessen Wiedererlangung in Jahre 628, nachdem es vierzehn Jahre zuvor vom persischen Großkönig Chosrau II. geraubt worden war.
Der Festlegende nach wurde es von Sinochius (es muß sich um Ardaschir III. handeln), der aus dynastischen Wirren als neuer Großkönig hervorging, der sich nun vom Kaiser Rückendeckung verschaffen wollte, aufgrund eines Vertrages an Kaiser Herakleios zurückgegeben. Die weltliche Geschichtsschreibung allerdings sieht die Rückgewinnung des Heiligen Kreuzes weniger friedlich.
Aber das Fest der Kreuzerhöhung ist ja viel älter als diese Wechselfälle des VII. Jahrhunderts, es ist das Fest, dem das Gedächtnis der Auffindung des Heiligen Kreuzes im Jahre 325 oder 326 eigentlich zukommt. Das Fest am 3. Mai muß also eine andere Bedeutung haben. Zwar kann man es als zufälliges Regionalfest betrachten, das von irgendwo aus dem alten Gallien ins Gelasianum eingedrungen wäre; doch näher liegt es, seinen Ursprung im Osten zu suchen.
Am 7. Mai 351 – im Osten des Reiches regierte der Arianer Constantius – erschien über Golgotha am Himmel lange Zeit ein großes hellstrahlendes Kreuz. Dieser Tag, dieses Ereignis wird in der byzantinischen Kirche alljährlich gefeiert. Und dieses Fest wird auch dem lateinischen Fest am 3. Mai zugrundeliegen.
Daß in verschiedenen Riten die Feier von Festen um ein, zwei Tage divergiert, ist nichts ungewöhnliches. Auch das anschließende Fest des heiligen Apostels Johannes wird ja im Westen zwei Tage eher gefeiert als im Osten. Eine Divergenz von vier Tagen ist etwas ungewöhnlicher, aber angesichts des Umweges des Festes über den gallischen Raum kein Einwand gegen die Gleichsetzung der Festfeiern.
Die Kalenderreform von 1960 allerdings läßt dieses Fest beiseite.
W.H.W.
Krüßing
ad Tiliam

Orietur Occidens